Unternehmenskultur bewusst mit Leben erfüllen

Eindrücke und (Be)merkenswertes aus dem Festival 22butterfly, Mai 2022 in Linz

Da ich die Veranstaltung nur via Laptop miterleben konnte, überlasse ich einen umfassenden Bericht den dazu Berufenen und verlinke ihn dann gerne. Derzeit gibt es auf der Site des Veranstalters cucocu.com bereits einen visuellen Nachbericht. Die Bilder zeigen was nur durch das Liveerlebnis erfahrbar war: Künstlerinnen und Künstler legten mit Musik und Performances einen atmosphärischen Teppich für die Auftritte der Vortragenden und der großartig moderierenden Ulrike Jung.

ein Beispiel für die künstlerischen Beiträge während des Festivals: Crystn Hunt Akron © Jürgen Grünwald

Um den Gesamteindruck abzurunden, fehlen mir außerdem die Workshops, das Abendprogramm und die spannenden Diskussionen, Streitgespräche und überraschenden Einsichten beim Kaffee, in der Bar, abends in der Linzer Nachtwelt. Da findet ja meist das Wichtigste bei einem solchen Kongress statt.

Aber zurück zum Start

Angekündigt war, Corporate Culture nicht nur aus der (derzeitigen) Perspektive der Organisationsentwicklung zu betrachten und zu diskutieren, sondern ganzheitlich zu sehen und mit den Möglichkeiten von Kulturarbeit und Kreativität gezielt zu gestalten.

Ernst Demmel und Ulrike Jung © Jürgen Grünwald



Alle Fotos Jürgen Grünwald

Ernst Demmel, der Initiator von 22butterfly.com, drückte es so aus: „Wir wollen Learnings aus Leadership, Change Management und Innovationsarbeit mit Skills aus der Kreativwirtschaft, aus Design und Kunst zusammenführen und so mehr Appeal durch Haltung und bewusst gelebte und inszenierte Kultur anstoßen.“




Welchen Unterschied kann dieser Anspruch machen?

In Büchern und Management-Trainings wird seit langem beschrieben, was  sich in Organisationen ändern sollte. Aber bis jetzt konnte man noch wie gehabt weiter tun und es bei den Sonntagsreden belassen. Keywords wie Haltung, Geschichte, Leitbild, Vision, Mission, Zweck u.ä. sind schon lange bekannt. Sind sie etwas Neues wenn sie nun mit neuen Begriffen wie Mindset, Spirit, DNA, Purpose, Storyliving usw. benannt werden?

Das Festival machte deutlich was sich verändert hat

– Die Qualität macht den Unterschied, zum Beispiel die Qualität des Prozesses einer Leitbildentwicklung. In einer der spannenden Reflexionsrunden erlebten wir ein beeindruckendes Beispiel für die Einsicht, einen jahrelang erfolgreichen Beratungsansatz radikal zu ändern.
– Die Theorien zu verstehen ist nicht mehr ausreichend, es ist notwendig sie auch zu fühlen und ihre Umsetzung zu wollen.
– Veränderung ist kein einmaliges Projekt, sondern ein ständiger Prozess.
– Storytelling wird zum Storydealing und Storyliving, weil Geschichten entfalten ihre stärkste Wirkkraft, wenn sie tatsächlich erlebt werden.

Reflexionsrunde mit Philippe Narval, Franzsika Fink, Steffi Burkhart, Marc Mertens © Jürgen Grünwald



Aus den Präsentationen und Reflexionsrunden ist einiges (be)merkenswert

Steffi Burkhart und Ulrike Jung © Jürgen Grünwald

Steffi Burkhart
Steffi sieht sich als Botschafterin der Millennials. Sie plädiert dafür, den status quo zu hinterfragen, aber nicht beim „warum“ stehen zu bleiben, sondern im nächsten Schritt „what if“ zu diskutieren, zu experimentieren, Beta-Stadien bereits zu nutzen, Fehler zu begrüßen und daraus zu lernen.

Denken erweiternd finde ich auch ihre Definition von Arbeitsräumen:
1stplace = home (!), 2ndplace = office, 3rdplace = irgendwo, 4thplace = virtuelle Zusammenarbeit, 5thplace = Denkraum (!)

Simon Sagmeister © Jürgen Grünwald

Simon Sagmeister
Kultur ist Herz, Verstand und Seele einer Organisation.
Sie ist dafür verantwortlich, wie Menschen in einer Organisation
wahrnehmen, denken, fühlen und handeln.

Kultur bestimmt, wie die Organisation tickt. Simon stellt die von ihm entwickelte Culture Map vor, die anhand von sieben Werteclustern mit jeweils einer Farbe die Charakteristika einer Kultur zeigen. Anhand typischer Kulturmuster konnten bekannte Organisationen von den TeilnehmerInnen schnell erkannt werden.
The Culture Institute

„Diskussionen = Meinungsaustausch
Dialog = Erfahrungsaustausch“

Wolfgang Pastl

Georg Wolfgang

Georg Wolfgang © Jürgen Grünwald

Georg meint, das Künstlerische würde zu selten als Möglichkeit genutzt, zum Beispiel wenn das Team beratungsmüde ist. Er nennt kleine, einfache aber überraschende Maßnahmen, die Culture Hacks, um die Kultur zu irritieren:

– Gärtli-Treffen: regelmäßiges informelles Treffen beim Bier zur Vernetzung
– Geh-spräche: statt Meetings Spaziergänge der Teams
– Unglaubliche Kennzahlen: Blatt mit %-sätzen aufhängen, die zum Staunen und zu Diskussionen anregen
– Ugly Baby time steigern, das ist Zeit für Innovationen, neue Ideen. Räume und Zeit dafür schaffen,
zulasten des Tagesgeschäfts, der Hungry Beasts, die immer hungrig sind.  
Culturizer GmbH

„Um „Souly Sides“ zu befeuern, braucht es
Geschichten, Symbole, Rituale, Mythen,…“

Ernst Demmel

Franziska Fink © Jürgen Grünwald

Franziska Fink
Für sie ist „Purpose“ das Zauberwort und sie bringt Beispiele, wo der Purpose realisiert wurde und nun Leuchtturm und damit Vorbild für andere Organisationen ist.  An Purpose soll alles ausgerichtet und gesteuert werden, auch zum Beispiel die Personalprozesse. Üblich ist, die Fähigkeiten von MitarbeiterInnen zu bewerten, aber sind das die Fähigkeiten, die den Purpose unterstützen?
Beratergruppe Neuwaldegg
zum Nachlesen: https://www.neuwaldegg.at/publikationen/blog/wozu-purpose/

Franziska vermisst bei den Begriffen Vision, Mission, Zweck usw. die Beschreibung ihrer WIRKUNG. Schade, dass Doris Rothauer ihr Modell der Wirkung nicht eingebracht hat. Sie beschäftigt sich mit der gesellschaftlichen Rolle und sozialen Wirkung von Kunst, Design und Kreativität in einer Welt, die neue Formen der Orientierung und des Miteinanders braucht. In Erinnerung habe ich ihre Skizze der Wirkungstreppe:

„Ideen sind keine Lösungen, aber ohne Ideen gibt es keine Lösungen.“

Doris Rothauer

Patrick Rammerstorfer
Führt von VUCA zu BANI: 
VUCA beschreibt die Welt als volatile = unbeständig, uncertain = unsicher, complex = komplex und ambiguous = mehrdeutig. Nun ist die Welt von Chaos geprägt und braucht ein neues Akronym.
BANI steht für brittle = brüchig, anxious = besorgt, non linear= nicht geradlinig, incomprehensive = unbegreiflich.

Die Systemische Sicht auf die Entwicklung der Organisation braucht Organisationsentwicklung UND Personalentwicklung. Denn die Veränderungsfähigkeit eines Unternehmens beginnt bei den Kompetenzen der MitarbeiterInnen.

Pro Active Beratungs- u. Trainings GmbH

Tim Leberecht © Jürgen Grünwald

Tim Leberecht

Der Business-Romantiker mit Fantasie, Intuition und Hingabe für ein Beautiful Business. Sein Input hat mich so beeindruckt, dass ich kein Wort mitgeschrieben habe. Aber da ich den Newsletter abonniert und die Konferenz „Concrete Love“ in Lissabon 10/21 verfolgt habe, kann ich ein Highlight zitieren: „What I Learned From Taking Part In A Silent Dinner“, das würde ich sehr gerne einmal erleben!

www.houseofbeautifulbusiness.com

Gerhard Obermüller und Verena Hahn

Die Spezialisten für Unternehmensgeschichte, als Buch, Ausstellung, Video oder digitales Format. Ihre Überzeugung: Success Stories allein sind uninteressant. Wir wollen Erfahrungen begreifen, d.h. nicht nur Geschichten von Erfolgen, sondern auch von Niederlagen, Rückschlägen und von Scheitern lesen, hören und erleben. Manchmal muss dafür Überzeugungsarbeit geleistet werden, denn Unternehmen wollen lieber nur ihre Sonnenseite präsentieren.

Rubicom, Agentur für Unternehmensgeschichte

Wolfgang Preisinger

Wolfgang Preisinger © Jürgen Grünwald

Wolfgang, Gründer der Fabrikanten, demonstriert mit einfachen Mitteln,
wie Veränderung in wenigen Augenblicken erlebt werden kann:
„Jeder sucht sich einen neuen Platz und damit einen neuen Sitznachbarn!“  
Wow! Das bringt Bewegung ins Auditorium!

Wolfgang gewährt auch Einblicke in die Erfahrungswelt der Fabrikanten – die Insights anhand der Metapher vom Fliegen:

– die Flugbahn ändern = raus aus Routinen, aus der Logik des Alltags
– Fluglotsen an Bord nehmen und ihre Potenziale freisetzen
– Ballast über Bord werfen = Platz schaffen für Neues
– wenn das Team beratungsmüde ist, mit Künstlerischen Interventionen Neues ermöglichen
– Autopilot = Selbststeuerung wagen
– mit Kunst abheben und die Änderungen wieder auf den Boden bringen
– lautlos segeln, das Team in den flow bringen
Die Fabrikanten

Stefanos Pavlakis
Seit 40 Jahren experimentieren die Wirklichkeitenerfinder mit Geschichten als Erfahrungsraum. Storydealing ist ein erlebnisorientierter Ansatz, der durch Geschichten Gefühle, Emotionen spürbar machen soll. Geschichten entfalten ihre stärkste Wirkkraft, wenn sie tatsächlich erlebt werden.
Storydealer

„Mit Geschichten zu arbeiten heißt, bestehende Organisationsmuster vorübergehend außer Kraft zu setzen um eine andere Wirklichkeit in Erscheinung zu bringen.“

Storydealer

Doris Rothauer
Die Impact-Expertin plädiert dafür, offen zu sein für das Neue, etwas zu riskieren, mit Unsicherheit umzugehen, mitzugestalten und Wirkung zu entfalten. Dann werden wir kreativer, experimentieren mehr, zum Beispiel wie wir Krisen bewältigen können, Jeder hat das Potenzial für Kreativität, soll sich mit Kunst auseinandersetzen und Künstlerische Strategien als Vorbilder nehmen.
Büro für Transfer

Denn wir können von Künstlerinnen und Künstlern lernen:
think like an artist, steal like an artist.

Reflexiionsrunde mit Karin Wolf, Andrea Hummer, Mario Sinnhofer © Jürgen Grünwald

Die Bilanz
Ein mehr als bunter Strauß an Informationen, Erfahrungen, Anregungen, Erlebnissen, Kunstgenuss, Austausch wurde geboten. Etwas davon umzusetzen liegt natürlich bei jedem Einzelnen. Ernst Demmels Vision einer Plattform für das Thema Corporate Culture zur Vernetzung aller Interessierten wird dazu beitragen!






Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. In der Ausgabe 04/2022 der Fachzeitschrift „Training“ können Sie einen Veranstaltungsbericht von 22butterfly.com nachlesen. Der Journalist hat live teilgenommen und kann daher auch von der lockeren Stimmung der 24 Stunden berichten, vom Festival-Eintrittsband, vom vielseitigen Programm, der legeren Kleidung von Speakern und Teilnehmer:innen, der Live-Musik, Gedichten und Tanzperformances, dem Poetry Slam. Also eine wunderbare Ergänzung zu meinem Bericht. Von den Keynotes hebt er u.a. jene von Steffi Burkhart hervor, die ihn auch zum Titel des Artikels inspirierte: „Karrieregitter statt Karriereleiter“. Wen dieses Konzept interessiert, nachzulesen unter https://steffiburkhart.com/moderne-karrieren-sind-klettergerueste-keine-leiter/

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