Künstler geben Feedback zu Ihrem Leadership-Stil

Ist die Rolle des Dirigenten im Orchester mit der Rolle der Führungskraft in einer Organisation vergleichbar? Im November 2010 hörte ich dazu die Meinung des Musikers Albert Schmitt, früher Kontrabassist in der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, seit mehr als 20 Jahren ihr Geschäftsführer. Der internationale Erfolg des Orchesters ist eine spannende und lehrreiche Geschichte. Mich interessierte damals mehr, wie durch die Zusammenarbeit von Organisationen und Künstlern Neues entstehen kann. Das war Thema des Symposiums „Kunst fördert Wirtschaft“ in Dortmund, organisiert von einer der Pionierinnen auf diesem Gebiet, Frau Prof. Ursula Bertram, IDfactory/Zentrum für Kunsttransfer. Hier mein Bericht über dieses Symposium.

Albert Schmitt © Kammerphilharmonie Bremen

Albert Schmitt schilderte zunächst die klassische Rolle des Dirigenten. Er oder sie entwickelt die Vision der persönlichen Interpretation eines Musikstücks. Die Musiker sind die Ausführenden. Eine effiziente Top-down-Struktur. Nun sind Musiker aber hochtalentierte, kreative Spezialisten und Profis, die sich auch gegenseitig befruchten. Schmitt: „Wer kreative Menschen zu Höchstleistungen anspornen will, muss ihnen auch Gestaltungsspielraum zugestehen.“1)

Daher scheint sich in Orchestern genau so wie in Organisationen ein Kulturwandel zu ereignen. Auch in Organisationen ist es einerseits Aufgabe der Führungskräfte eigenständig zu gestalten, Visionen zu entwickele, die Kultur zu prägen, die Werte zu leben und zu vermitteln, klare Entscheidungen zu treffen. Sowohl in Orchestern als auch in Teams sind die Menschen unterschiedlich, darauf muss ein Leader mit Aufmerksamkeit und Empathie eingehen. Das gelingt, wenn die Menschen unterstützend geführt werden und sie ihre Potenziale entwickeln können.

Hernstein-Training mit Profi-Musikern

Die Analogie zwischen der Aufgabe einer Führungskraft und der eines Dirigenten klingt  überzeugend – ich hatte aber noch Vorbehalte. Daher nahm ich sehr gern vor kurzem an der Online-Präsentation des Hernstein-Seminars „The Sound of Leadership“ mit dem Dirigenten Florian Schönwiese teil. Auch Schönwiese berichtete vom Wandel, der sich in den letzten Jahren in vielen Orchestern vollzogen hat. Heute erwarten Orchester mit einem Dirigenten auf Augenhöhe und gegenseitigem Respekt zusammenzuarbeiten.

Florian Schönwiese © Stephan von der Decken

Sie sind selbstbewusst, fordern Gestaltungsspielraum und wollen überrascht werden. Schönwiese nennt als Beispiel die Mexikanerin Alondra de la Parra. Ich habe ein Interview mit dieser Dirigentin gefunden, in dem sie über ihren Kommunikationsstil spricht: „Das wunderbare an einem Orchester ist, Veränderungen und Fehler sind innerhalb kürzester Zeit zu bemerken. In Organisationen können solche Prozesse Jahre dauern. Fehler können sogar Spaß machen, wenn es darum geht, den besten Ausweg zu finden. Was wird passieren? Wird er uns aus der Bahn werfen – oder profitieren wir von dem Adrenalinschub und werden am Ende sogar besser, stärker als Gruppe?“

Alondra de la Parra © Salzburger Nachrichten

Wie können nun Führungskräfte aus diesen Erfahrungen lernen?

Florian Schönwiese hat langjährige Praxis als Geiger, Orchestermusiker und Kulturmanager. Erfahrungen, die er in die Arbeit mit Führungskräften einbringt. Seit 2014 nahmen mehr als 500 TeilnehmerInnen an den Seminaren des Profi-Musikers und Leadership-Trainers teil. Schönwiese setzt in seinen Seminaren die von ihm entwickelte Pratobello-Methode ein. Die Kraft der Musik und die Erfahrung von professionellen Musikern wird genutzt, um unmittelbar Haltungen, Werte, Kompetenzen und Fähigkeiten von Führungspersönlichkeiten zu erleben und ihnen zu einer erfahrungsbasierten Selbsterkenntnis zu verhelfen.

Vorab erhalten die Teilnehmer eine Aufnahme und auf Wunsch auch die Partitur einer Komposition, um hineinzuhören, sich damit vertraut zu machen und eine persönliche Vision der Interpretation zu entwickeln.

Probe © Stephan von der Decken

Bei der Probe schlüpfen sie dann in die Rolle des Dirigenten eines High-Performance-Teams und erleben unmittelbar die Wirkung ihrer Haltung und ihres Agierens auf das Team. Das Ensemble von vier Orchestermuskern, ein Streichquartett, stellt sich ganz auf dieses Dirigat der Führungskraft ein und das Ergebnis kann man sofort hören. Sie erfahren also im unmittelbaren Feedback wie sich alles was man tut und fühlt auswirkt: jede Geste, die Mimik, die Energie, die gesamte Körpersprache. AbsolventInnen bestätigen, dass sie genau in diesen Rückmeldungen Parallelen zu ihrer Führungsaufgabe erleben. Eine Erfahrungsbasierte Selbsterkenntnis!

Wie eine solche Probe abläuft kann man in diesem Video sehen.

Der Schwerpunkt im Seminar liegt sicher im ehrlichen, persönlichen Feedback der vier Profi-Musiker des Ensembles an jede einzelne Führungskraft. Ein Feedback, das in diesem Setting gut aufgenommen werden kann. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass es zu Diskussionen über Leadership-Stile kommt. Welcher Leadership-Stil ist beim „Einschwören“ eines Teams auf eine gemeinsame Aufgabe gefragt? Wenn der Dirigent eine klare Vorstellung von der Interpretation eines Musikstücks hat, wie kann er das jedem einzelnen Musiker und dem Orchester als ganzem Klangkörper näher bringen? Gilt da „Making others better through your guidance and presence“? Oder wie es die Dirigentin Oksana Lyniv ausdrückte: „Ich gebe einen Impuls ins Orchester, das damit weitere Impuls auslöst, die zu mir zurückkommen. Die wiederum verarbeite ich, verändere oder verstärke sie und schicke sie wieder zurück.“2)

Auf der Webseite von Florian Schönwiese können Sie viele Videos sehen und sich über Feedback von Kunden informieren.

Das Hernstein-Seminar findet am 16. Oktober 2020 in Wien statt.

Übrigens: Haben Sie schon herausbekommen, was Pratobello bedeutet?

1) Harvard Business Manager 2/2014
2) Die Zeit, No 39 vom 20.9.2018, Interview von Hannah Schmidt

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