Kunst ist Kommunikation

Interview mit dem Künstler Klaus Ludwig Kerstinger, Mitglied im Künstler-Pool des Instituts für Kunst und Wirtschaft

Helga Stattler:
Im Kulturmanagement.net stellst Du Dich als „Künstler und Manager“ vor und schreibst gleich im ersten Absatz, dass Du Dir zu Beginn deiner künstlerischen Tätigkeit nie hättest vorstellen können, Dich so zu titulieren. Wieso hat sich das verändert?

Klaus Ludwig Kerstinger
Klaus Ludwig Kerstinger

Klaus Ludwig Kerstinger:
Nach dem Studium an der Kunstakademie Wien arbeitete ich als freischaffender Künstler und widmete mich ganz dem Künstlerdasein. Nebst meiner künstlerischen Arbeit suchte ich im Laufe der Zeit eine weitere Reibung. Mich interessierte der Kunstbetrieb an sich, ich wollte etwas bewegen und so gründete und leitete ich mit zwei Partnern die Galerie art2net für junge Nachwuchskünstler. Wir hatten ein gutes Händchen bei der Auswahl der Künstler. Was mich damals und heute noch interessiert ist die andere Seite des Kulturbetriebs zu sehen, also wie arbeiten und organisieren Institutionen Projekte. Bei meinem Postgraduate Studium Kultur & Organisation habe ich das Handwerk studiert. Als Künstler, als Ich-AG, muss man auch solche Fähigkeiten entwickeln, vielleicht im kleineren Stil, aber das Grundprinzip ist bei größeren Projekten das gleiche.
Diese Erfahrungen sind für meine künstlerische Arbeit sehr wichtig. Aktiver Künstler zu sein und als Kulturmanager im Kulturbetrieb zu stehen ist für mich sehr prägend und wesentlich. Durch diese beiden Welten bekomme ich geistigen Austausch und eine Reibung, durch die ich mich weiterentwickeln kann.

Helga Stattler:
Du hast am Institut für Kulturkonzepte und der Universität Wien eine Ausbildung zum Kulturmanager absolviert, wo kannst Du dieses Knowhow anwenden?

Klaus Ludwig Kerstinger:
Da habe ich in erster Linie gelernt alles bis zum Ende durchzudenken, also die Idee auf das Papier zu bringen und dann in die Realität umzusetzen. Das nützt mir sowohl als Manager meiner eigenen Person als auch für meine Tätigkeit als Kulturmanager. Profitiert habe ich auch durch die TeilnehmerInnen aus verschiedenen Sparten. Mit etlichen Studienkolleginnen und -kollegen bin ich noch in Kontakt. Das ermöglicht mir interessante Einblicke in Kulturorganisationen und deren Tätigkeitsfelder und natürlich hat sich dadurch auch ein wesentliches und auch nützliches Netzwerk entwickelt.

Helga Stattler:
Derzeit bist Du in „beiden Welten“ aktiv.

Klaus Ludwig Kerstinger:
Als Kulturmanager bei der Kunst- und Kommunikationsagentur art : phalanx bekomme ich viel Energie durch die Auseinandersetzung mit der Wirtschaft, das macht Freude und Spaß. Und das wirkt sich wieder auf die künstlerische Arbeit aus. Kunst ist Kommunikation. Und ein nicht unwesentlicher Aspekt in der Kunst ist der Bezug zur Wirtschaft.

Helga Stattler:
Wie kann sich die Wirtschaft der Kunst nähern?

Klaus Ludwig Kerstinger:
Zunächst geht es als bildender Künstler um Produkte und Werke. Unternehmen besuchen Ausstellungen, tätigen Ankäufe oder haben eine hauseigene Galerie. Das trägt zur Bewusstseinsbildung im Unternehmen bei. Kunst ist ein möglicher Weg offener zu werden, sich für etwas abseits der Arbeit zu interessieren oder auch sich mit der eigene Firma zu identifizieren. Ein wesentlicher Schritt ist dann vom Kunstwerk zur Person des Künstlers, der Künstlerin. Wie denkt diese Person, wie handelt sie, welche Überlegungen und Aussagen sind für die KünstlerInnen wichtig. KünstlerInnen kennen zu lernen heißt, einen neuen Zugang zur Kunst zu gewinnen, vielleicht auch Irritationen erleben zu dürfen.
Künstlerischer Ausgangspunkt sind Themen, die bewegen. Entweder gesellschaftspolitische Fragen, die zum Nachdenken anregen oder konkrete Themen in einem Unternehmen. Mit diesem Potential setzt sich die Künstlerin, der Künstler dann auseinander. Das ist der Nährboden für Künstler. Kunst zeigt auf, sie ist ein Spiegel, ein Filter, durch die jeweilige Kunst-Sprache. Es ist eine emotionalere Ausdrucksform, Räume werden breiter. Man erwartet sich das auch von einem Künstler, das ist ein Stück künstlerische Freiheit.

Helga Stattler:
Welche Voraussetzungen sind Deiner Erfahrung nach fürs Gelingen eines solchen Projekts maßgeblich?

Klaus Ludwig Kerstinger:
Neugierde, Offenheit und Mut für Veränderung. Natürlich muss die Firmenphilosophie passen. Der Künstler hat ein Grundkonzept aus der künstlerischen Tätigkeit, dem eigenen Spektrum. Nun ist die Firma das Medium und man nähert sich ihr, screent das Unternehmen und reagiert dann auf das was man sieht, hört, spürt  – in der eigenen künstlerischen Sprache, im eigenen „Stil“, der eigenen Ausdrucksform.
KünstlerInnen sind immer Beobachter. Sie filtern  und reagieren dann auf „Erlebtes“. So entstehen neue Visionen. Genau mit diesen Ansätzen kann etwas bewegt und bewirkt werden. Das ist, so denke ich, auch die Erwartungshaltung im Unternehmen, ist aber auch mit gewissen und nicht programmierten Spannungsmomenten verbunden.

Helga Stattler:
Was kann sich ein Unternehmen von der Zusammenarbeit mit Künstlern erwarten?

Klaus Ludwig Kerstinger:
Einen kreativer Ansatz und eine unkonventionelle Lösung. Zumeist öffnet sich eine Tür und eine kreative Idee und etwas wirklich Neues ist da! Letztlich ist das Ziel eine Win-win-Situation. Das Unternehmen profitiert von kreativen Denkansätzen und die Künstlerin, der Künstler profitiert für die eigene Kunst.

Informationen zum Künstler

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Kreative Projektideen für die Wirtschaft

565 Unternehmen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft haben sich beim bundesweiten Wettbewerb „Kultur- und Kreativpiloten Deutschland 2013“ beworben. Aus dem umfassenden

Christian Hoffmann_SpielPlan
Christian Hoffmann_SpielPlan

Auswahlverfahren sind 32 Preisträger hervorgegangen, darunter „SpielPlan“, das Team um Christian Hoffmann in Berlin, langjähriger Kooperationspartner meines Unternehmens VeranstaltungsDesign. Mit dieser Auszeichnung wird anerkannt, dass Theaterkonzepte, die maßgeschneidert für konkrete Situationen und Themen eines Unternehmens entwickelt werden, eine starke und nachhaltige Wirkung haben.

Die KünstlerInnen von SpielPlan gehen ins Unternehmen, machen sich ein Bild, schlüpfen in die Rollen von Führungskräften und MitarbeiterInnen um dem Unternehmen einen Spiegel vorzuhalten oder motivieren die MitarbeiterInnen, sich in die Rolle ihrer Chefs oder Kollegen und Kolleginnen zu versetzen. Eine fremde Perspektive einzunehmen, selbst zu spüren, welche Emotionen dabei hochkommen, hilft den Anderen besser zu verstehen, sich selbst und das Team neu wahrzunehmen. So können Konflikte gelöst, Prozesse und Beziehungen verbessert werden.

In Österreich ist derzeit Wolfgang Kainz mit Businesstheater Wien der erfahrenste Anbieter von Theaterprojekten für die Wirtschaft. Unter „Praxisbeispiele“ werde ich demnächst über aktuelle Projekte beider Unternehmen berichten.

Informationen zu SpielPlan

Die Preisträger des Wettbewerbs

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Was die Musik die Wirtschaft lehren kann

Am 27. August wird es in Alpbach im Rahmen des Kulturprogramms des Europäischen Forums Alpbach 2013 einen außergewöhnlichen Abend geben. Miha Pogačnik, Violinvirtuose und Visionär, wird mit Willibald Cernko, dem Vorstandsvorsitzenden der Bank Austria über die Verbindung zwischen Kunst und wirtschaftlichen sowie gesellschaftlichen Themen unserer Zeit diskutieren und nach neuen Perspektiven suchen.

Ich habe Miha schon einige Male bei seinen dynamischen, hoch emotionalen Vorträgen erlebt, unter anderem in Schloß Borl, Slovenien – ein kurzer Ausschnitt dieses Ereignisses ist hier nachzuhören:

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=j2iB_zGz7Ho&w=420&h=315]

Die Vortragsperformance „Was die Musik die Wirtschaft lehren kann“  verspricht also für das Publikum musikalischen Genuss, aber auch überraschende Gemeinsamkeiten von Musik und Prozessen im Management: die Dynamik des Umfelds, das brennen für etwas Neues, das fließen lassen, die Umwege zur Lösung.  Im Guardian, London, war einmal zu lesen “Miha Pogačnik is an artist who is making hard-nosed executives turn to the world of creative talent in a pragmatic effort to improve efficiency.”

In der Diskussion wird Miha den Managern also vermitteln, dass eine neue Form von Beziehung zwischen Kunst und Wirtschaft kühne Visionen möglich macht. Künstler zeichnen sich durch Leidenschaft, Mut, Ideenreichtum und Vorstellungskraft aus. Genau das sind zentrale Fähigkeiten um Wachstum und Nachhaltigkeit in der Wirtschaft zu sichern.

Informationen zur Veranstaltung

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Die „Besondere Bibliothek“

Wenn man das Gebäude der Österreichischen Volksbanken AG betritt, wird der Blick sofort an die Decke  des Foyers gelenkt, wo die Lichtinstallation von Brigitte Kowanz „eins durch unendlich – unendlich durch eins“ sich scheinbar in unendliche Tiefen vervielfältigt. Nach ein paar Schritten dann das 22 Meter hohe Atrium mit der Arbeit des Künstlers Otto Zitko, einem Wandgemälde auf einer rund 45000m2 großen Fläche.

Harald Posch, Personalmanager und Projektleiter der Kunstprojekte: „Ziel war, dass markante künstlerische Installationen auf die Architektur reagieren, um inspirierende Räume zu schaffen. Die Künstler haben sich intensiv mit dem Haus auseinander gesetzt und mit hohem Qualitätsanspruch, konsequent und kompromisslos ihre Werke geschaffen. Architektur und Kunst sind hier miteinander verwoben.“

Mein Besuch galt aber einem anderen Kunstprojekt, das auf den ersten Blick nur zu sehen ist, wenn man das Haus durch die Tiefgarage betritt. Christian Muhr von Liquid Frontiers hatte mich darauf aufmerksam gemacht: „Die besondere Bibliothek“. Idee und Konzept von Liquid Frontiers war, eine Soziale Skulptur der damals, im Jahr 2010 im Konzern tätigen MitarbeiterInnen zu schaffen, eine Momentaufnahme zum Zeitpunkt der Eröffnung des neuen Gebäudes.

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Foto: Raimo Rudi Rumpler
www.raimo.at

Diese Kunstintervention war eine mehrfache Herausforderung.
– Der Ort: die Tiefgarage mit allen damit verbundenen Auflagen
– Der Anspruch von Liquid Frontiers: die aktive Gestaltung des Projekts mit den MitarbeiterInnen

Die MitarbeiterInnen der Bankengruppe wurden gebeten, drei ihrer subjektiven Meinung nach besonders wichtige Bücher mitzubringen. Bücher die sie begeistert oder geprägt haben, um daraus eine Bibliothek zu gestalten.

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Foto: Raimo Rudi Rumpler
www.raimo.at

Sabine Dreher, Liquid Frontiers: „Der Prozess des Sammelns der Bücher wurde sorgfältig geplant: vom Kick-off-Event über Infos im Intranet bis zur logistischen Abwicklung. Alle, quer über die Hierarchie, die verschiedenen Standorte und Kulturen wurden eingeladen, sich zu beteiligen. Trotz eines Zeitfensters von nur zwei Wochen gelang ein repräsentatives Ergebnis: 458 Bücher wurden gesammelt, gescannt und die Buchrücken zu einer Serie von großformatigen Ansichten zusammengestellt.“

Das künstlerische Gestaltungskonzept lebt von den vielseitigen Interessen der Mitarbeiter. Die Bücherwände verwandeln darüber hinaus das übliche graue Einerlei einer Tiefgarage in ein inspirierendes Ambiente und sorgen  für Orientierung. Wenn Sie interessiert, welche Bücher in dieser „besonderen Bibliothek“ gelistet sind, in dieser Broschüre ist alles genau beschrieben.

„Die Mitarbeiter haben sich damals intensiv mit den Kunstwerken auseinandergesetzt“, so Harald Posch, der in den Kunstinterventionen auch den Aspekt der Personal- und Organisationsentwicklung sieht: „Die Diskussionen haben zur Bewusstseinsbildung beigetragen und die Fähigkeit unserer Mitarbeiter zur Reflexion gefördert.“

Interessant wäre, im Sinne der Nachhaltigkeit, nun nach zwei Jahren einen Blick auf die Veränderungen zu werfen, die sich auch in der Bibliothek widerspiegeln würden. In einer Zeit großer Herausforderungen können gerade künstlerische Formen der Reflexion dazu beitragen, Sichtweisen zu verändern, neue Möglichkeiten und damit erstrebenswerte Zukunftsbilder wahrzunehmen.

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Edgar H. Schein zur Rolle von Kunst und KünstlerInnen

Edgar Schein
Edgar Schein

In der aktuellen Ausgabe 1/2013  der Fachzeitschrift „Organizational Aesthetics“ veröffentlicht der Pionier der Organisationsentwicklung, Edgar H. Schein, Sloan Professor emeritus am MIT Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, einen Artikel aus dem Jahr 2001 zur Rolle von Kunst und KünstlerInnen, den er in seinem Kommentar als aktueller denn je bezeichnet. Denn seither gibt es immer mehr Know-how an Universitäten und in der Praxis, wie Kunst und KünstlerInnen für Unternehmen und Organisationen relevant sein können. Schein beschreibt, worin dieser Beitrag aus seiner Erfahrung begründet ist:

  1. Kunst und KünstlerInnen stimulieren uns mehr zu sehen, mehr zu hören und mehr wahrzunehmen von dem was in uns selbst und um uns herum vorgeht.
  2. Kunst stört, provoziert, regt auf und regt an – und das soll sie auch.
  3. KünstlerInnen regen dazu an, unsere Fähigkeiten und unser Verhaltensrepertoire zu erweitern und flexibler zu werden im Reagieren.
  4. Kunst und Künstler stimulieren und befähigen uns zu ästhetischer Wahrnehmung.
  5. Indem wir beobachten wie ein Künstler arbeitet, gewinnen wir neue Einblicke und Einsichten: Wie kommt eine Leistung zustande und was bedeutet das für Führung und Management
  6. Der Künstler bringt uns mit unserem inneren, schöpferischen Selbst in Berührung.

Das gilt für KünstlerInnen jeglicher Kunstsparte. Auch Komponisten und Schauspieler müssen lernen zu sehen und zu hören bevor sie sich ausdrücken können. Genau das ist auf zwischenmenschliche Situationen anwendbar, die wir schlecht managen, weil wir nicht gelernt haben zu sehen was wirklich vorgeht. Künstler sprechen unser Unbewusstes an und bringen uns dazu uns mit etwas auseinanderzusetzen, das wir normalerweise vermeiden, weil es verwirrend, Angst auslösend, gegen die Regeln ist.

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Kunst fördert Wissenschaft

Die [ID]factory in Dortmund erforscht und fördert den Transfer von Kunst in außerkünstlerische Felder. 2011 startete sie mit dem Symposium „Kunst fördert Wirtschaft“. Dieser provokante Titel motivierte mich damals spontan daran teilzunehmen. Am 19. November 2012 stand die Folgeveranstaltung „Kunst fördert Wissenschaft“ am Programm, ein fachübergreifender Diskurs über non-lineares Denken als innovative Verunsicherung des Wissenschaftssystems. Referenten und Diskussionspartner waren u.a. der Künstler und Kunsttheoretiker Prof. Dr. Bazon Brock, Physiker Hans-Peter Dürr, der Kulturwissenschaftler Martin Tröndle, die Theaterpädagogen Eva Renvert und Bernd Ruping sowie die Künstler Gerald Nestler, Christopher Dell und Wolfgang Stark. Muster und Parallelen zwischen Arbeitssoziologie und Kunst, Mitarbeiterführung und Theaterpädagogik, Organisationen und Jazz wurden erlebbar gemacht. Die TeilnehmerInnen konnten einem Kunst- und Wissenschafts-Slam lauschen und ein Kunst- und Wissenschaftslabor erkunden.

„Loslassen bewährter Muster ist in allen Bereichen notwendig“, fasste Prof. Ursula Bertram, Leiterin der [ID]factory zusammen. Wissenschaftler müssen kreativ sein wie Künstler, und Künstler so begründungsfähig wie Wissenschaftler.

Weitere Informationen unter www.id-factory.de

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Kunst und Wirtschaft? Bitte auf Augenhöhe!

Karin Wolf

In der Kunst und in der Wirtschaft werden unterschiedliche Sprachen gesprochen und es gelten unterschiedliche Regeln. Die Kunst dient der Unterhaltung und der Erbauung, die Wirtschaft der Warenproduktion und der Gewinnmaximierung. Künstler und Künstlerinnen führen ein Bohemien-Leben und sind im Idealfall zu Lebzeiten arm wie Kirchenmäuse und werden nach ihrem Tod berühmt. Unternehmer sind ausschließlich an Geld interessiert, bereichern sich auf Kosten anderer, haben einen dicken Bauch und eine Zigarre im Mund. Die Liste der Stereotypen ließe sich noch weiter fortzusetzen und würde einmal mehr bestätigen, dass es eigentlich keine natürlichen Berührungspunkte zwischen diesen beiden Welten geben kann.

Wirtschaft fördert Kunst
Umso erstaunlicher ist es, dass es dennoch zahlreiche Begegnungen zwischen Kunst und Wirtschaft gibt. Kunstsponsoring ist in Österreich spätestens seit den 80er Jahren aus der Öffentlichkeitsarbeit großer Unternehmen nicht wegzudenken. Von Firmen gestiftete Kunstsammlungen und Kunstpreise werden von den Medien und der interessierten Öffentlichkeit durchaus positiv wahrgenommen.
Die Rollen sind eindeutig verteilt: die Wirtschaft gibt, die Kunst empfängt. Der Nutzen für die Beteiligten liegt ebenfalls auf der Hand: der Sponsor stärkt sein Image, erreicht bestimmte Zielgruppen und positives Medienecho. Der Künstler oder die Kunstinstitution kann ein Projekt mithilfe von Sach- oder Geldleistungen umsetzen. Im Idealfall also ein Geschäft zum beiderseitigen Nutzen. Leider ist der Nutzen nicht immer so klar: die Sponsoren merken, dass nur das Logo auf den Plakaten und das Inserat im Programmheft doch nicht den erwünschten Effekt bringt. Die Künstler nehmen quasi zähneknirschend das Geld entgegen und fühlen sich dabei oft wie Bittsteller.

Künstlerische Intervention
In einer Situation, wo einer gibt und der andere dankend empfängt, kommen schwer Gespräche auf Augenhöhe zustande. Könnte es Sinn machen, die Kommunikation  von Unternehmern und Künstlern zu ändern? Und wie könnte das ausschauen? Es lohnt sich ein Blick über die Grenzen, vor allem in den angelsächsischen oder skandinavischen Raum, aber auch nach Deutschland, wo sich bereits eine Tradition der „arts based intervention“, der künstlerischen Intervention in Unternehmen etabliert hat. Wirtschaftsbetriebe haben erkannt, dass  sich bestimmte künstlerische Fähigkeiten und Methoden sehr gut für die Problemlösung in Bereichen der Unternehmenskultur, der internen Kommunikation oder der Organisationsentwicklung eignen.

Warum macht es Sinn, Künstler einzuladen, sich mit internen Problemen eines Unternehmens auseinanderzusetzen und einen Beitrag zu leisten? Ich schließe mich hier der Meinung von Danica Purg, Präsidentin der IEDC-Bled School of Management in Slovenien und der Central and East European Management Development Association (CEEMAN), an, die  auf die Frage, was Führungskräfte von der Kunst und von Künstlerinnen und Künstlern lernen können, folgendes antwortete: „Kunst und Künstler inspirieren uns mehr zu sehen, mehr zu hören und mehr zu fühlen was mit uns und um uns herum vorgeht. Ein Künstler kann uns ermutigen unsere Fähigkeiten, unser Verhaltensrepertoire und unsere Reaktionsfähigkeit zu erweitern. Am wichtigsten ist jedoch, dass uns die Kunst unser eigenes schöpferisches Ich erschließt.“

Ergebnisse, die durch eine Zusammenarbeit von KünstlerInnen und Unternehmen erzielt werden können sind z.B. verbesserte Unternehmenskultur, dialogische Diskussionskultur, mehr Selbstreflexion im Team,  Hinterfragen von Routinen, geschärfte Wahrnehmung. Menschen, die künstlerische Interventionen in Unternehmen selbst erlebt haben berichten, dass sie Selbstvertrauen und Freude an der Arbeit gewonnen haben und dadurch mit anderen offener und positiver gestimmt zusammenarbeiten.

Kunst fördert Wirtschaft
Diese neue Art der Begegnung von Wirtschaft und Kunst unterscheidet sich vom Modell Sponsoring vor allem durch eine Auflösung der Stereotypen. Künstler sind Partner auf Augenhöhe. Anstatt, dass sie von einem Unternehmen unterstützt werden, leisten sie einen essentiellen und professionellen Beitrag zur Lösung von unternehmensinternen Problemen. Nun könnte man fragen, warum einen Künstler und nicht einen klassischen Unternehmensberater? Der Einsatz von Kunst und künstlerischen Mitteln eröffnet allen Beteiligten neue Wahrnehmungs- und Gestaltungsräume. Künstler setzen sich permanent mit ihrer Umgebung und damit auch mit aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen auseinander. Sie reagieren darauf, sie greifen Themen auf und transformieren diese in ihren künstlerischen Arbeiten und Projekten. Genuines Anliegen der Kunst ist es, „Neues in die Welt zu bringen“, Künstler schaffen Räume für Neugierde, Kommunikation und Kreativität.

Die Idee der künstlerischen Intervention in Unternehmen bedeutet auch, die Kunst aus den „heiligen Hallen“ der Museen und Theater mitten in die Gesellschaft zu holen. Die Mitarbeiter eines Unternehmens kommen unmittelbar mit Kunst in Berührung und können sich so neue Kompetenzen und Erfahrungen aneignen, die zu einer unmittelbaren Steigerung ihrer Lebensqualität führt. Die Künstler wiederum befinden sich nicht im Elfenbeinturm, sondern stellen ihre Fähigkeiten auch für nichtkünstlerische Fragestellungen zur Verfügung, was längerfristig zu einer stärkeren Anerkennung und Honorierung der künstlerischen Leistung führt.

Meine Empfehlung für innovative und zukunftsorientierte Menschen aus der Wirtschaft: Holt Künstler und Künstlerinnen ins Unternehmen!

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The Trainee

In der von departure organisierten Ausstellung „curated by – kunst oder leben“ im Projektraum Bucher www.projektraum.at habe ich die Arbeit der Künstlerin Pilvi Takala wieder entdeckt. Sie ist mir bei Recherchen zu Praxisbeispielen künstlerischer Interventionen bereits aufgefallen. Ich war damals sehr erstaunt, dass eine Beratungs- und Prüfungsgesellschaft, das internationale Netzwerk Deloitte, eine Künstlerin ins Haus holt, um bei ihren BeraterInnen einen Denkanstoss zu erreichen. Und das mit radikalen Mitteln, die zunächst Irritation, dann Beschwerden, aber letztlich doch Bewusstheit und Selbstkritik auslösten. Die Künstlerin Pilvi Takala wurde als Trainee im Marketingbereich vorgestellt. Mit dieser Funktion verbanden alle ein klares Aufgabenprofil: schreiben, kopieren, telefonieren, vielleicht auch Kaffee kochen, jedenfalls aber „arbeiten“. Takala verbrachte die Zeit allerdings zumeist schweigend und ruhig beim Schreibtisch sitzend oder sogar den ganzen Tag im Lift (Video) und tat – nichts. Wenn sie gefragt wurde was sie mache, antwortete sie: „Denken (Brain Work)“. Die Reaktionen der KollegInnen fielen unterschiedlich aus. Einige interessierten sich ernsthaft für ihr Tun, andere waren verblüfft oder amüsierten sich über ihr Verhalten, andere wieder beschwerten sich heftig in der Chefetage.

Pilvi Takala
Pilvi Takala

 

 

 

Wird „Nachdenken“ in einem Team akzeptiert, oder muss man jedenfalls Arbeit simulieren um nicht „untätig“ zu scheinen? Wenn alle ständig beschäftigt sind, wann denken wir dann über unser Tun nach? Wo ist Raum für Reflexion? Wie kann Neues entstehen? Braucht es dazu einen Auftrag? Oder Impulse von außen? Das waren Fragen, die von dieser künstlerischen Intervention provoziert wurden.

Pilvi Takala, The Trainee (still), 2008, video installation, courtesy of Galerie Diana Stigter, Amsterdam
Auf dieser Site können Sie vier Kurzvideos abrufen, sehenswert ist das vierte Video, „a Day in the Elevator“
http://www.pilvitakala.com/thetrainee01.html

Deloitte präsentierte das Projekt auch in seiner Lounge am Helsinki Vantaaa Airport:© Petri Virtanen Central Art Archives Helsinki

© Petri Virtanen Central Art Archives Helsinki

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Im Gespräch mit KünstlerInnen: Gerhard Flekatsch

Helga Stattler:
Du bist Mitglied eines Netzwerks, das sich den Diskurs zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst als Aufgabe gestellt hat. Was wollt ihr damit erreichen?

Gerhard Flekatsch:
Ohne schöpferische Tätigkeit landet unsere Gesellschaft in der Sackgasse. Die Einbeziehung von Kreativarbeit in andere Disziplinen ist für eine positive Entwicklung sehr wichtig, das beweisen etliche Studien. Das gilt für die Wirtschaft genauso wie für die Wissenschaften. Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Systemen müssen erkannt und aufgezeigt, Denkstrukturen verändert, neue Impulse gesetzt werden. Dazu können Künstlerinnen und Künstler beitragen und es ist eigentlich erstaunlich, dass ihre Fähigkeiten noch nicht intensiv genutzt werden. Sie haben die Fähigkeit zu erkennen was andere nicht sehen, sie finden Muster, sie interpretieren neu und ermöglichen eine erweiterte Perspektive.

Helga Stattler:
Was kann eine Künstlerin, ein Künstler in der Wirtschaft bewirken?

Gerhard Flekatsch:
Zunächst müssen wir uns klarmachen, dass Kunst heute einer der ganz wenigen Bereiche ist, in denen es nicht um die Erfüllung von Zielvorgaben geht, sondern um eine ganzheitliche Wahrnehmung und deren Transformation in universelle Ausdrucksformen. Für ein erfolgreiches Projekt braucht es den Diskurs zwischen Wirtschaft und Kunst auf Augenhöhe. Das gemeinsame Gespräch, in dem Fragen gestellt werden die uns gleichermaßen interessieren und die zu Themen führen, die uns alle betreffen. Wenn es Gemeinsamkeiten gibt, dann können daraus konkrete Projekte entstehen. Wesentlich ist dabei, dass die Möglichkeiten der KünstlerInnen nicht bloss als ein zusätzliches betriebswirtschaftliches Tool verstanden werden,  sondern ein methodisches Hinterfragen der vorhandenen Vorstellungen und Strukturen zugelassen wird.
Die Initiative KWW (Kunst Wirtschaft Wissenschaft) wurde von einem Unternehmer, einer Technikerin und Kunsthistorikerin und zwei Künstlern gemeinsam gegründet. Gerade in der Unterschiedlichkeit der Arbeitsmethoden liegt der wechselseitige Gewinn. Innovation gibt es nicht auf Bestellung – aber sie wird durch geeignete Rahmenbedingungen und erweiterte Horizonte gefördert.

Helga Stattler:
Wie kam es zu der Initiative?

Gerhard Flekatsch:
Wir sind einmal zusammen gesessen – eine Gruppe von Menschen aus der Kunst, der Kunstgeschichte, der Technik und der Wirtschaft – und sind dabei auf Themen gestoßen, die uns alle beschäftigen. Und die Runde war fruchtbarer, konstruktiver als die klassischen Podiumsdiskussionen. Daher beschlossen wir, dem Kontinuität zu geben, sozusagen am „Küchentisch“ sitzend. Die informelle Atmosphäre ermöglicht ein offenes Gesprächsklima. Die Meetings haben ein Thema und eine Intention, aber die Gespräche selbst, der Weg und die Ergebnisse müssen völlig offen sein. Die Qualität, die Künstler hier einbringen, ist das Spielerische, dass die Aufmerksamkeit sich in jede beliebige Richtung bewegen, die Phantasie sich entwickeln kann, neue Betrachtungsweisen, ein ganzheitliches Bild entsteht. In hierarchischen Strukturen ist das verloren gegangen. Der Fokus auf ein verordnetes Ziel verhindert meist erweiterte Blickwinkel.

Helga Stattler:
Wie hat sich die Rolle der Kunst in der Gesellschaft entwickelt?

Gerhard Flekatsch:
Kunst war über Jahrhunderte in der gebildeten Klasse, die die Macht hatte, geschätzt und gleichzeitig gefürchtet wegen ihrer aufklärerischen Wirkung. Die große Masse hatte keinen Zugang zur Kunst. Seit etwa 150 Jahren gibt es zwar eine Öffnung, aber den Menschen wurde kaum vermittelt, wie sie sich der Kunst annähern könnten. Und nun hat der Markt die Kunst entdeckt, der Kunstmarkt boomt. Die Verdinglichung von Kunst als Marktobjekt steht dem Verständnis von Kunst im Weg. Kunst ist nicht nur über Werke zu begreifen, sondern als Wahrnehmungsweise, als Einstellung, als Möglichkeit der Auseinandersetzung. Dann hat Kunst eine gesellschaftspolitische Funktion. Gerade in Europa könnte die Kunst die vielen Unterschiedlichkeiten, die oft ausgrenzend empfunden werden, als verbindende Vielfalt thematisieren. Dazu müssten die Projekte allerdings auch emotional berühren und die Menschen mit einbeziehen. Das würde Aha-Erlebnisse möglich machen und den wünschenswerten Brückenschlag.

Helga Stattler:
Zurück zur Initiative KWW, kannst du mir ein Projekt nennen, das hier entstanden ist?

Gerhard Flekatsch:
2011/12 gab es drei Veranstaltungen mit Themen wie zum Beispiel „Bilder im Kopf“, „Regionale Identität“ oder „Satt und hungrig“ – was braucht der Mensch alles? Dabei diskutierten Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen miteinander und kamen zu erstaunlichen Einsichten. Außerdem hat jeder ein bisschen mehr über die Denkweisen und Methoden in diesen anderen Bereichen erfahren, seien es jetzt die Medien, die Wirtschaft, die Kunst oder die Technik.

Helga Stattler:
Wie wichtig ist dieses technische Knowhow der Künstler?

Gerhard Flekatsch:
Es hilft natürlich in der Kommunikation zwischen den verschiedenen Welten.

Helga Stattler:
Du bringst ja auch vielfältige Erfahrungen mit.

Gerhard Flekatsch:
Das ist richtig. Ich war immer künstlerisch tätig. Schon während meines Medizinstudiums habe ich eine Theatergruppe gegründet, musiziert, fotografisch und malerisch gearbeitet. Im Studium erkannte ich, wie rasch theoretisches Wissen durch neue Erkenntnisse obsolet wird, dass sich dauernd etwas ändert. Der dogmatische Anspruch seiner Vertreter hat mich oft auch irritiert. Vieles ist erst aus dem jeweiligen Zeit- und Kulturgeist heraus verständlich. Dazu hatte ich während meiner Tätigkeit bei der Ärzteflugambulanz einige Schlüsselerlebnisse: Es ging oft um das Überleben des Patienten und in Extremsituationen mussten Entscheidungen getroffen werden. Da erlebte ich, dass es viele Sichtweisen gibt, entsprechend den kulturellen Werten im jeweiligen Land. Gleichzeitig war eine exakte, minutiöse Planung notwendig und kommerziell erfolgreich musste man auch sein. Ich trug 5 Jahre als Geschäftsführer dafür die Verantwortung. Lösungen findet man nur, wenn man die vertrauten Grenzen überschreitet und die Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Vorstellungen gelingt.

Helga Stattler:
Wann hast du dich dann ganz für die Kunst entschieden?

Gerhard Flekatsch:
2005 wurde mir bewusst, dass mir zu wenig Zeit und Energie für die Kunst blieb. Kunst ist ja nicht nur das Kunstwerk an sich, sondern es geht darum, Kunst zu leben, es als Teil von sich zu verstehen. Man muss sich selbst relativieren, den Bereich des Intellekts und der Sinne verbinden um zu einem erweiterten Wahrnehmungskonzept und Selbstverständnis zu gelangen.

Helga Stattler:
Und was motiviert dich jetzt, dich mit der Beziehung zur Wirtschaft auseinander zu setzen?

Gerhard Flekatsch:
Die Wirtschaft hat so einen großen Einfluss auf die Menschheit, dass eine Veränderung nur unter Einbeziehung der Wirtschaft erfolgen kann. Sie dominiert gemeinsam mit den Medien die öffentliche Wahrnehmung. Denken wir nur an die größeren Städte überall auf der Welt, das Straßenbild ist voll von suggestiven Werbebotschaften. Nun ist die Wirtschaft an einem Punkt angelangt, an dem die gängigen wirtschaftlichen Mechanismen, die in Zeiten des Aufschwungs funktioniert haben, nicht mehr so greifen. Mit der Formel „Ursache-Wirkung“ können wir nicht alles erklären. Um sinnvoll handeln zu können geht es darum, vom reinen Zweckdenken wegzukommen, Abstand zu gewinnen, die Wahrnehmung weiter zu entwickeln, die Bedeutung des Einzelnen für das Ganze zu erkennen. Wie kann man lernen, nicht nur aus der Ich-Position heraus zu agieren sondern ebenso die Wir-Position zu vertreten? Dann wären andere Formen des Zusammenlebens und Zusammenarbeitens möglich – das ist für Menschen in Entscheidungspositionen eine brandaktuelle Frage, für uns alle die essentielle Herausforderung der Zeit.

Informationen zum Künstler

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Im Gespräch mit KünstlerInnen: Karl M. Sibelius

Helga Stattler:
Herr Sibelius, gerade konnte man Sie in „Nijinskys Tagebuch“ auf der Bühne des Landestheaters Linz sehen. Sie sind Schauspieler, Sänger und Regisseur, Sie unterrichten in Salzburg am Mozarteum –  und nun absolvierten Sie ein Praktikum in der Hypo Oberösterreich. Wieso das?

Karl M. Sibelius

Karl M. Sibelius:
Ich studiere berufsbegleitend „Kulturmanagement“ an der Universität Zürich. Sechs der 28 Monate  Studienzeit lernen wir jeweils die „andere Welt“ kennen: die Künstler arbeiten in der Wirtschaft, die Betriebswirte im künstlerischen Bereich.

Helga Stattler:
Und wie ging es Ihnen da?

Karl M. Sibelius:
Ich war in der Marketing-Abteilung tätig, da ist der Unterschied zu einem Kulturbetrieb nicht so groß. Überraschend für mich war, wie kreativ die Kollegen sind, wie intensiv sie sich gegenseitig austauschen und um Rat fragen. Mit Begriffen wie Change Management oder Leitbild wird selbstverständlich umgegangen. Und es wird alles durchleuchtet, jede Kostenstelle, ganz radikal. Damit habe ich nicht gerechnet. Da könnte der Kulturbetrieb von der Wirtschaft viel lernen. Andererseits fällt mir in Unternehmen immer wieder auf, dass der Erfolg nur an Zahlen und erledigten Aufgaben gemessen wird, die menschlichen Leistungen zählen kaum. Auch in der Management-Literatur wird das beschrieben. Ich lese gerade ein Buch über Leadership und Bürokratie. Da bekommt man das Gefühl, dass sich die Leute nicht mit der Arbeit identifizieren. Das gibt es im Kulturbetrieb überhaupt nicht, hier könnte die Wirtschaft von der Kultur lernen. Wir könnten also gegenseitig sehr viel profitieren.

Helga Stattler:
Ihre Kollegen in der Bank sagen, ein Künstler bringe andere Blickwinkel ein, er habe einen anderen Zugang zu den Aufgaben, nehme die Dinge anders wahr. Haben Sie das auch so erlebt?

Karl M. Sibelius:
Ja, einige Male. Zum Beispiel merke ich, wenn Gespräche standardisiert ablaufen, in einem Frage-Antwort-Schema, das völlig unabhängig von der Person ist. Das muss doch demotivierend sein. Oder bei Bewerbungsgesprächen. Die laufen perfekt ab, aber so kommt man an die Persönlichkeit nicht heran, man kann nicht entdecken, ob der Kandidat wirklich der Beste ist. Mich interessiert, wie er in einer Extremsituation reagieren würde, wie er mit Irritationen umgeht. Als Künstler hört man gut zu und beobachtet genau. Man kann Themen ansprechen, die sonst tabu bleiben.

Helga Stattler:
Sie werden ab der kommenden Spielsaison Intendant am theater // an der rott im niederbayerischen Eggenfelden sein. Da können Sie diese Erfahrungen bald nutzen.

Karl M. Sibelius:
Bei mir war immer im Hinterkopf der Wunsch ein Theater zu leiten, ein Ermöglicher zu sein. Deshalb habe ich schon vor Jahren am Institut für Kulturkonzepte in Wien einen  Lehrgang absolviert und eben jetzt das Studium in Zürich. Wissen ist Macht. Das merke ich bei Verhandlungen wenn ich das Excel-Sheet öffne mit meiner Projektkalkulation. Da staunt man, dass jemand wie ich eine Bilanz lesen kann. Weil normal hat ein Künstler keine Ahnung davon.

Helga Stattler:
Kulturmanager und Künstler – lässt sich das vereinbaren?

Karl M. Sibelius:
Ich glaube nicht, dass mir das eine vom anderen etwas wegnimmt. Im Gegenteil, ich bin selbstbewusster und entspannter auf der Bühne. In Georg Kreislers Ein-Mann-Musical „Adam Schaf hat Angst“ werde ich im theater // an der rott ein Schauspieler sein, der über den neuen Intendanten lästert, da kann ich mich richtig selber beschimpfen und mit dem Publikum solidarisch erklären (lacht). Ich werde künstlerischer und kaufmännischer Leiter des Theaters sein. Und mein Ehrgeiz ist, dass es ein großartiges Theater wird, eines von dem man spricht. Ich glaube, dass wir uns nicht nur durch die Stückauswahl von den anderen absetzen werden, sondern weil mein Team und ich uns zumindest auch den Kopf darüber zerbrechen, wie man Kunst und Ökonomie auf einen gemeinsamen Nenner bringen kann. Mal sehen, ob uns das gelingt.

Helga Stattler:
Dann – toi, toi, toi!

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